Ehemalige SH-Unternehmen

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Die wenigsten Unternehmen bestehen – nach menschlichen Maßstäben – „ewig“. Durchschnittlich gesehen „lebt“ jedes Unternehmen nur ein paar Jahre bis es aus welchen Gründen auch immer zur Auflösung kommt.

Seien es Fusionen, Insolvenzen oder Überführungen in andere Rechtsformen – auch in Schleswig-Holstein hat es in der Vergangenheit viele Unternehmen gegeben, die man so heute nicht mehr findet. An dieser Stelle gibt Der SH-Investor Ihnen eine kurze Übersicht, insbesondere über die Fälle aus der jüngeren Geschichte:

Achterbahn AG, Kiel

Die Achterbahn AG wurde 1991 durch den „Werner“-Zeichner Rötger „Brösel“ Feldmann in Kiel gegründet. Dem allgemeinen Trend folgte auch die Achterbahn AG 1999 an die Börse und dort an den Neuen Markt. Die Emission war 65-fach überzeichnet. Damit war der Börsengang einer der erfolgreichsten in der Geschichte des Neuen Marktes.
Das Geschäftsmodell der Achterbahn AG war jedoch längst marode. So folgte 2002 die Insolvenz. Die Aktie wurde dennoch viele Jahre weitergehandelt. 2011 folgte nochmals ein Kurssprung nach oben, als mit „Werner – Eiskalt“ ein neuer Film angekündigt wurde. Erst als klar war, dass die Achterbahn AG die Rechte an den Werner-Filmen längst verloren hatte, sackte die Aktie wieder gegen Null in sich zusammen. Mittlerweile ist die Aktie von den Kurszetteln verschwunden.
Die Achterbahn-Aktie ist bis heute für ihr Design bekannt. Das Wertpapier war das letzte, von dem noch effektive (gedruckte) Stücke ausgegeben wurden. Es bildet zudem eine der schönsten Wertpapiere der Moderne. Stücke mit noch vollem Dividendenbogen werden heute als begehrte Sammlerstücke für viele hundert Euro gehandelt.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Konkurs

Achterbahn AG Aktie
Höhepunkt der Aktienkultur: Die von Rötger „Brösel“ Feldmann höchstpersönlich gezeichnete Aktie der Achterbahn AG. Auch auf dem Dividendenbogen sind zahlreiche „Werner“-Figuren zu sehen. | © Achterbahn AG
Achterbahn AG voller Dividendenbogen
Hier der komplette Dividendenbogen der Achterbahn AG mit den Figuren – von links nach rechts und oben nach unten – Werner, Meister Röhrich, Andy, Herr Günzelsen, Eckat, Kapitän Brassman, Herbert, Kalli und Hörni, Präsi, Röhre | © Achterbahn AG

Beate Uhse AG, Flensburg (später: Hamburg)

Praktisch jeder weiß etwas mit dem Namen „Beate Uhse“ anzufangen. 1951 gründete die Berufspilotin einen der ersten Versandhandel überhaupt. Da der stationäre Verkauf von Sex-Artikeln seinerzeit noch unter Strafe stand, konnten die Produkte nur per Versand an den Mann, bzw. die Frau gebracht werden. Zwar lautete der Unternehmensgegenstand offiziell auf „Ehehygiene“, dennoch handelte Beate Uhse sich mit ihrem Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte tausende Strafanzeigen wegen „Unzucht“ ein.
Ihren Höhepunkt erlebte die Beate Uhse AG in den Neunzigerjahren mit dem Höhepunkt der Versandhauskataloge. Der Börsengang 1999 markiert für viele bis heute den Höhepunkt der Aktienkultur in Deutschland. Mit einer 64-fach überzeichneten Aktien geriet der Gang aufs Parkett zu einem großen Erfolg. Bis heute legendär sind der Börsengang und vor allem die Hauptversammlungen, auf denen unter anderem leicht bekleidete Frauen auftraten und auch Porno-Material unter den Aktionären verteilt wurde.
Dennoch wurde es zunehmend ruhig um die Beate Uhse AG. Erst starb im Jahr 2001 die Gründerin Beate Rotermund-Uhse 81-jährig in der Schweiz, dann hielt die Unternehmensführung trotz zunehmender Digitalisierung am zunehmend schrumpfenden Präsenzhandel fest. Und so geriet die Beate Uhse AG zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten.
In 2017 musste das traditionsreiche Flensburger Unternehmen Insolvenz anmelden, da eine fällig gewordene Unternehmensanleihe schlicht nicht zu bezahlen war. Heute firmiert die Beate Uhse AG unter dem Namen „Erotik Abwicklungsgesellschaft AG“. Alle Vermögensgegenstände werden auf die neue be you GmbH übertragen. Die Aktien werden mittlerweile nicht mehr börsengehandelt und sollen rechtelos untergehen.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Insolvenz, Übergang allen Vermögens auf die be you GmbH

Beate Uhse Aktie
Die legendäre „Erotik-Aktie“ der Beate Uhse AG | © Beate Uhse AG

Comdirect Bank AG, Quickborn

Auch die Comdirect Bank AG hat eine schillernde Geschichte im hohen Norden hinter sich, welche man wohl mit „Vom verstaubten Bankgeschäft zum hippen Start-up und wieder zurück“ umschreiben kann.
Im Jahr 1994 gründete die Commerzbank AG eine neue Tochtergesellschaft für Online-Banking und Brokerage: Die Comdirect war geboren. Zur Jahrtausendwende ging man an die Börse und wurde mit zunehmender Digitalisierung der Bevölkerung immer erfolgreicher.
Doch die Commerzbank AG betrachtete ihre Tochtergesellschaft nie als unabhängiges Unternehmen und reduzierte ihren Anteil daher niemals auf weniger als 80%. Mit dem zunehmend unprofitabler werdenden Kerngeschäft der Commerzbank AG wuchs offenbar der Wunsch der Frankfurter ihre Tochter in Quickborn wieder zurück in den Konzern zu holen.
Und so erwirkte die Commerzbank im Jahr 2020 eine Konzernverschmelzung, womit die verbleibenden Aktionäre aus dem Unternehmen gedrängt wurden und die Geschichte der Comdirect endete. Viele Experten bezweifeln, dass es sinnvoll ist, ein so hochdigitalisiertes Unternehmen wie die Comdirect in die nach wie vor weitgehend analoge Commerzbank zu integrieren, doch so oder so ist das Schicksal der Comdirect besiegelt.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Übernahme durch die Commerzbank AG

GWB Immobilien AG, Siek

Die GWB Immobilien AG startete 1992 sehr erfolgreich als Projektentwickler für innerstädtische Immobilien. Mit dem Börsengang im Jahr 2006 hatte man massiv Knete in die Unternehmenskassen gespült, welche fleißig in neue, erfolgsversprechende Projekte investiert wurde.
Doch das anfangs erfolgreiche Management wurde unvorsichtig. Man hatte sich selbst zu wenig finanziellen Spielraum gelassen und so traf die ab 2009 einsetzende Finanzkrise das Unternehmen bis ins Mark. Zudem fiel man auf einen Betrug hinein, welcher der Gesellschaft sehr viel Geld kostete. Als man sich dann auch noch zu schwerwiegenden Buchungsfehlern hinreißen ließ und die Bilanz so künstlich aufgeblasen wurde, entzog der Kapitalmarkt dem Unternehmen das Vertrauen.
Es folgte die Insolvenz ab 2013, welche bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Zwar können die praktisch wertlosen GWB-Aktien nach wie vor an der Börse gehandelt werden, doch faktisch handelt es sich bei der GWB Immobilien AG um ein totes Unternehmen. Da weder ein Vorstand, noch ein Aufsichtsrat mehr existieren, wird die auflaufende Gerichtspost inzwischen per öffentlicher Zustellung im Bundesanzeiger bewirkt.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Insolvenz, Unternehmen ist klinisch tot

Jean Pascale AG, Norderstedt

Die Anfänge der Jean Pascale AG gehen auf das Jahr 1936 zurück. In Laufe der Jahrzehnte folgte die Umbenennung zur Jean Pascale AG. Der Name sollte an den berühmten französischen Modedesigner Jean-Claude Pascal erinnern. Das Unternehmen florierte in jener Zeit. Doch ab den 2000er Jahren schien das Pech an dem Norderstedter Unternehmen zu kleben und die weitere Geschichte verlief äußerst turbulent.
Die Eigentümer der defizitären Modekette gaben sich zeitweise die Klinke in die Hand. Die Käufer, denen es jeweils nicht gelangt, das Unternehmen rechtzeitig weiterzuverkaufen mussten alle Insolvenz anmelden.
Besonders kurios liest sich die Zeit ab dem Jahr 2003, in welchem die Kenvelo AG Jean Pascale übernahm. Nach der fast schon obligatorischen Insolvenz der Kenvelo AG kaufte der damalige Kenvelo-Eigner Dany Himi mit einer Kenvelo-Tochtergesellschaft quasi seine eigene Konkursmasse auf. Doch auch diesmal ging die Rechnung nicht auf und auch das Nachfolgeunternehmen, die Kenvelo Sportswear GmbH, ging Pleite. Dany Himi verbarrikadierte sich in der Folge mehrere Tage in der Norderstedter Firmenzentrale, um den Gläubigern keinen Zugriff auf das Vermögen der Gesellschaft zu geben. Doch auch das half nicht.
Seit 2009 befindet sich auch die Kenvelo Germany GmbH, so der neueste Name, in der Insolvenz. Die Marke Kenvelo ist in Deutschland seither nicht mehr aktiv. Auch das Label Jean Pascale ist inzwischen vom Markt verschwunden.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Übernahme durch die Kenvelo AG, Konkurs

Jean Pascale AG Aktie
Auch ein schönes Aktiendesign: Das Wertpapier der Jean Pascale AG aus Norderstedt | © Jean Pascale AG

mobilcom AG, Büdelsdorf

Die mobilcom AG wurde 1991 durch Gerhard Schmid in Büdelsdorf gegründet. Das Unternehmen war im Rahmen des Neuen Marktes genauso schnell gewachsen wie die Großspurigkeit seines Managements. Bis heute in Erinnerung geblieben ist insbesondere ein Auftritt von Gerhard Schmid und Börsenlegende André Kostolany in der NDR-Talkshow aus dem Jahr 1998. Darin kanzelte Schmid den damals schon stark gealterten Meister teils barsch ab, als Kostolany den Neuen Markt in der Sendung als Betrug demaskierte („Der neue Markt ist Betrug!“).
Nach der Jahrtausendwende verzockte sich die mobilcom AG wie so viele Mobilfunkanbieter im Rahmen der UMTS-Lizenzen. Es folgte der spektakuläre Zusammenbruch des Neuen Marktes, sowie 2002 die Insolvenz der mobilcom AG. Rund 2.000 Menschen im beschaulichen Büdelsdorf verloren ihren Arbeitsplatz.
Heute gehören die Reste der mobilcom AG zur ehemaligen mobilcom-Tochtergesellschaft Freenet. Teile der Führungsmannschaft der Freenet AG bestehen bis heute aus ehemaligen mobilcom-Managern. Vor allem für Mobilfunkverträge und für die mobilcom-Shops wird der alte Name immernoch geführt. Bis heute sorgt der Name „mobilcom“ teilweise für glänzende Augen im hohen Norden.
Nach der Insolvenz gab es in den folgenden Jahren noch diverse Gerichtsprozesse gegen Beteiligte der Insolvenz, sowie gegen den Gründer Gerhard Schmid. Viele der Prozesse sind inzwischen eingestellt, einige wenige sind jedoch noch heute anhängig. Gerhard Schmid zeigt sich heute indes geläutert und unterstützt junge Unternehmen bei ihrem Start. Ihn scheint der Zusammenbruch des Neuen Marktes charakterlich gefestigt zu haben.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Insolvenz, Übernahme durch die Freenet AG

Mobilcom AG Aktie
Bis heute kennt jeder im Norden das Logo der Mobilcom AG. Wie üblich macht auch bei der Mobilcom AG bereits das Wertpapier den Unternehmensgegenstand deutlich. | © Mobilcom AG

mybet AG, Kiel

Die mybet AG wurde 1998 in Kiel als Wettanbieter gegründet. Neben Sportwetten umfasst das Geschäftsmodell heute auch Online-Casinos und Business-to-Business-Dienstleistungen. Vor einigen Jahren zog die Aktiengesellschaft jedoch nach Berlin um. Ob die Geschäfte dort besser laufen als in Schleswig-Holstein war ohnehin mehr als fraglich. Und tatsächlich musste die ehemalige Kieler Gesellschaft im Sommer 2018 Insolvenz anmelden.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Umzug nach Berlin, Insolvenz


Da diese Liste niemals abschließend sein kann, darf in den Kommentaren gerne an weitere ehemalige SH-Unternehmen erinnert werden.

3 Kommentare

  1. Triton Water Norderstedt, Flensburger Avis,

    Kaltenkirchen, 19. Juni 2018. Die AKN Eisenbahn AG firmiert neu: Mit Wirkung zum
    13. Juni 2018 wurde aus der AKN Eisenbahn AG die AKN Eisenbahn GmbH. Die AKN
    Eisenbahn GmbH verfügt auch zukünftig über einen Aufsichtsrat. Statt als Vorstand wird
    Wolfgang Seyb die AKN nun als Geschäftsführer leiten. Für die Beschäftigten der AKN
    ändert sich durch den Rechtsformwechsel nichts. Gesellschafter der AKN Eisenbahn GmbH
    sind zudem wie bisher zu gleichen Teilen die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein. Mit
    dem Rechtsformwechsel endet der von den Gesellschaftern angestoßene
    Restrukturierungsprozess der AKN.

    Deutsche Bank Lübeck AG
    Euroimmun AG Lübeck
    HaGe Kiel AG Kiel
    Plato AG Lübeck
    Tebis AG Lübeck
    Pütz Security Ag Kaltenkirchen
    W. Jacobsen AG Kiel

    1. Guten Tag Herr Müller,

      vielen Dank für Ihre Kommentare! Auf der IR-Seite der Euroimmun AG heißt es zum Thema Börsengang ja sogar „Die Aktiengesellschaft ist zur Zeit noch nicht an der Börse notiert, dennoch ist ein Aktienerwerb – auch jetzt schon – möglich. […] Ziel ist es, zu einem späteren Zeitpunkt ein IPO durchzuführen.“
      Aber ob es letztlich wirklich dazu kommt??? Ich bin gespannt!

      Ich wünsche Ihnen in jedem Fall einen schönen Tag und ein erholsames Wochenende!
      Grüße nach Friesland!

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