Ehemalige SH-Unternehmen

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Die wenigsten Unternehmen bestehen – nach menschlichen Maßstäben – „ewig“. Durchschnittlich gesehen „lebt“ jedes Unternehmen nur ein paar Jahre bis es aus welchen Gründen auch immer zur Auflösung kommt.

Seien es Fusionen, Insolvenzen oder Überführungen in andere Rechtsformen – auch in Schleswig-Holstein hat es in der Vergangenheit viele Unternehmen gegeben, die man so heute nicht mehr findet. An dieser Stelle gibt Der SH-Investor Ihnen eine kurze Übersicht, insbesondere über die Fälle aus der jüngeren Geschichte:

Achterbahn AG, Kiel

Die Achterbahn AG wurde 1991 durch den „Werner“-Zeichner Rötger „Brösel“ Feldmann in Kiel gegründet. Dem allgemeinen Trend folgte auch die Achterbahn AG 1999 an die Börse und dort an den Neuen Markt. Die Emission war 65-fach überzeichnet. Damit war der Börsengang einer der erfolgreichsten in der Geschichte des Neuen Marktes.
Das Geschäftsmodell der Achterbahn AG war jedoch längst marode. So folgte 2002 die Insolvenz. Die Aktie wurde dennoch viele Jahre weitergehandelt. 2011 folgte nochmals ein Kurssprung nach oben, als mit „Werner – Eiskalt“ ein neuer Film angekündigt wurde. Erst als klar war, dass die Achterbahn AG die Rechte an den Werner-Filmen längst verloren hatte, sackte die Aktie wieder gegen Null in sich zusammen. Mittlerweile ist die Aktie von den Kurszetteln verschwunden.
Die Achterbahn-Aktie ist bis heute für ihr Design bekannt. Sie war das letzte neu emittierte und auf Deutsche Mark lautende Wertpapier von dem noch effektive (gedruckte) Stücke ausgegeben wurden. Es bildet zudem eine der schönsten Wertpapiere der Moderne. Stücke mit noch vollem Dividendenbogen werden heute als begehrte Sammlerstücke für viele hundert Euro gehandelt.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Konkurs

Achterbahn AG Aktie
Höhepunkt der Aktienkultur: Die von Rötger „Brösel“ Feldmann höchstpersönlich gezeichnete Aktie der Achterbahn AG. Auch auf dem Dividendenbogen sind zahlreiche „Werner“-Figuren zu sehen. | © Achterbahn AG
Achterbahn AG voller Dividendenbogen
Hier der komplette Dividendenbogen der Achterbahn AG mit den Figuren – von links nach rechts und oben nach unten – Werner, Meister (Walter) Röhrich, Andy, Herr Günzelsen, Eckat, Kapitän Brassman, Herbert, Kalli und Hörni, Präsi (Dieter), Röhre | © Achterbahn AG

Beate Uhse AG, Flensburg (später: Hamburg)

Praktisch jeder weiß etwas mit dem Namen „Beate Uhse“ anzufangen. 1951 gründete die Berufspilotin einen der ersten Versandhandel überhaupt. Da der stationäre Verkauf von Sex-Artikeln seinerzeit noch unter Strafe stand, konnten die Produkte nur per Versand an den Mann, bzw. die Frau gebracht werden. Zwar lautete der Unternehmensgegenstand offiziell auf „Ehehygiene“, dennoch handelte Beate Uhse sich mit ihrem Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte tausende Strafanzeigen wegen „Unzucht“ ein.
Ihren Höhepunkt erlebte die Beate Uhse AG in den Neunzigerjahren mit dem Höhepunkt der Versandhauskataloge. Der Börsengang 1999 markiert für viele bis heute den Höhepunkt der Aktienkultur in Deutschland. Mit einer 64-fach überzeichneten Aktien geriet der Gang aufs Parkett zu einem großen Erfolg. Durch die schon zum Jahr 1999 erfolgte Einführung des Euro als Buchgeld lautete die Aktie bereits auf Euro. Es war das letzte neu emttierte Wertpapier, von dem noch effektive Stücke ausgegeben wurden. Bis heute legendär sind der Börsengang und vor allem die Hauptversammlungen, auf denen unter anderem leicht bekleidete Frauen auftraten und auch Porno-Material unter den Aktionären verteilt wurde.
Dennoch wurde es zunehmend ruhig um die Beate Uhse AG. Erst starb im Jahr 2001 die Gründerin Beate Rotermund-Uhse 81-jährig in der Schweiz, dann hielt die Unternehmensführung trotz anziehender Digitalisierung am zunehmend schrumpfenden Präsenzhandel fest. Und so geriet die Beate Uhse AG immer weiter in finanzielle Schwierigkeiten.
Im Jahr 2017 musste das traditionsreiche Flensburger Unternehmen Insolvenz anmelden, da eine fällig gewordene Unternehmensanleihe schlicht nicht zu bezahlen war. Heute firmiert die Beate Uhse AG unter dem Namen „Erotik Abwicklungsgesellschaft AG“. Alle Vermögensgegenstände werden auf die neue be you GmbH übertragen. Die Aktien sollen rechtelos untergehen.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Insolvenz, Übergang allen Vermögens auf die be you GmbH

Beate Uhse Aktie
Die legendäre „Erotik-Aktie“ der Beate Uhse AG | © Beate Uhse AG

Comdirect Bank AG, Quickborn

Auch die Comdirect Bank AG hat eine schillernde Geschichte im hohen Norden hinter sich, welche man wohl mit „Vom verstaubten Bankgeschäft zum hippen Start-up und wieder zurück“ umschreiben kann.
Im Jahr 1994 gründete die Commerzbank AG eine neue Tochtergesellschaft für Online-Banking und Brokerage: Die Comdirect war geboren. Zur Jahrtausendwende ging man an die Börse und wurde mit zunehmender Digitalisierung der Bevölkerung immer erfolgreicher.
Doch die Commerzbank AG betrachtete ihre Tochtergesellschaft nie als unabhängiges Unternehmen und reduzierte ihren Anteil daher niemals auf weniger als 80%. Mit dem zunehmend unprofitabler werdenden Kerngeschäft der Commerzbank AG wuchs offenbar der Wunsch der Frankfurter ihre Tochter in Quickborn wieder zurück in den Konzern zu holen.
Und so erwirkte die Commerzbank im Jahr 2020 eine Konzernverschmelzung, womit die verbleibenden Aktionäre aus dem Unternehmen gedrängt wurden und die Geschichte der Comdirect endete. Viele Experten bezweifeln, dass es sinnvoll ist, ein so hochdigitalisiertes Unternehmen wie die Comdirect in die nach wie vor weitgehend analoge Commerzbank zu integrieren, doch so oder so ist das Schicksal der Comdirect besiegelt.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Übernahme durch die Commerzbank AG

GWB Immobilien AG, Siek

Die GWB Immobilien AG startete 1992 sehr erfolgreich als Projektentwickler für innerstädtische Immobilien. Mit dem Börsengang im Jahr 2006 hatte man massiv Knete in die Unternehmenskassen gespült, welche fleißig in neue, erfolgsversprechende Projekte investiert wurde.
Doch das anfangs erfolgreiche Management wurde unvorsichtig. Man hatte sich selbst zu wenig finanziellen Spielraum gelassen und so traf die ab 2009 einsetzende Finanzkrise das Unternehmen bis ins Mark. Zudem fiel man auf einen Betrug hinein, welcher der Gesellschaft sehr viel Geld kostete. Als man sich dann auch noch zu schwerwiegenden Buchungsfehlern hinreißen ließ und die Bilanz so künstlich aufgeblasen wurde, entzog der Kapitalmarkt dem Unternehmen das Vertrauen.
Es folgte die Insolvenz ab 2013, welche bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Zwar können die praktisch wertlosen GWB-Aktien nach wie vor an der Börse gehandelt werden, doch faktisch handelt es sich bei der GWB Immobilien AG um ein totes Unternehmen. Da weder ein Vorstand, noch ein Aufsichtsrat mehr existieren, wird die auflaufende Gerichtspost inzwischen per öffentlicher Zustellung im Bundesanzeiger bewirkt.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Insolvenz, Unternehmen ist klinisch tot

Jean Pascale AG, Norderstedt

Die Anfänge der Jean Pascale AG gehen auf das Jahr 1936 zurück. In Laufe der Jahrzehnte folgte die Umbenennung zur Jean Pascale AG. Der Name sollte an den berühmten französischen Modedesigner Jean-Claude Pascal erinnern. Das Unternehmen florierte in jener Zeit. Doch ab den 2000er Jahren schien das Pech an dem Norderstedter Unternehmen zu kleben und die weitere Geschichte verlief äußerst turbulent.
Die Eigentümer der defizitären Modekette gaben sich zeitweise die Klinke in die Hand. Die Käufer, denen es jeweils nicht gelangt, das Unternehmen rechtzeitig weiterzuverkaufen mussten alle Insolvenz anmelden. Besonders kurios liest sich die Zeit ab dem Jahr 2003, in welchem die Kenvelo AG Jean Pascale übernahm.
Nach der fast schon obligatorischen Insolvenz der Kenvelo AG kaufte der damalige Kenvelo-Eigner Dany Himi mit einer Kenvelo-Tochtergesellschaft quasi seine eigene Konkursmasse auf. Doch auch diesmal ging die Rechnung nicht auf und auch das Nachfolgeunternehmen, die Kenvelo Sportswear GmbH, ging Pleite. Dany Himi verbarrikadierte sich in der Folge mehrere Tage in der Norderstedter Firmenzentrale, um den Gläubigern keinen Zugriff auf das Vermögen der Gesellschaft zu geben. Doch auch das half nicht.

Seit 2009 befindet sich auch die Kenvelo Germany GmbH, so der neueste Name, in der Insolvenz. Die Marke Kenvelo ist in Deutschland seither nicht mehr aktiv. Auch das Label Jean Pascale ist inzwischen vom Markt verschwunden.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Übernahme durch die Kenvelo AG, Konkurs

Jean Pascale AG Aktie
Auch ein schönes Aktiendesign: Das Wertpapier der Jean Pascale AG aus Norderstedt | © Jean Pascale AG

mobilcom AG, Büdelsdorf

Die mobilcom AG wurde 1991 durch Gerhard Schmid in Büdelsdorf gegründet. Das Unternehmen war im Rahmen des Neuen Marktes genauso schnell gewachsen wie die Großspurigkeit seines Managements. Bis heute in Erinnerung geblieben ist insbesondere ein Auftritt von Gerhard Schmid und Börsenlegende André Kostolany in der NDR-Talkshow aus dem Jahr 1998. Darin kanzelte Schmid den damals schon stark gealterten Börsenmeister teils barsch ab, als Kostolany den Neuen Markt in der Sendung als Betrug demaskierte („Der neue Markt ist Betrug!“).
Nach der Jahrtausendwende verzockte sich die mobilcom AG wie so viele Mobilfunkanbieter im Rahmen der UMTS-Lizenzen. Es folgte der spektakuläre Zusammenbruch des Neuen Marktes, sowie 2002 die Insolvenz der mobilcom AG. Rund 2.000 Menschen im beschaulichen Büdelsdorf verloren ihren Arbeitsplatz.
Heute gehören die Reste der mobilcom AG zur ehemaligen mobilcom-Tochtergesellschaft Freenet. Teile der Führungsmannschaft der Freenet AG bestehen bis heute aus ehemaligen mobilcom-Managern. Vor allem für Mobilfunkverträge und für die mobilcom-Shops wird der alte Name immernoch geführt. Bis heute sorgt der Name „mobilcom“ teilweise für glänzende Augen im hohen Norden.
Nach der Insolvenz gab es in den folgenden Jahren noch diverse Gerichtsprozesse gegen Beteiligte der Insolvenz, sowie gegen den Gründer Gerhard Schmid. Viele der Prozesse sind inzwischen eingestellt, einige wenige sind jedoch noch heute anhängig. Gerhard Schmid zeigt sich heute indes geläutert und unterstützt junge Unternehmen bei ihrem Start. Ihn scheint der Zusammenbruch des Neuen Marktes charakterlich gefestigt zu haben.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Insolvenz, Übernahme durch die Freenet AG

Mobilcom AG Aktie
Bis heute kennt jeder im Norden das Logo der Mobilcom AG. Wie üblich macht auch bei der Mobilcom AG bereits das Wertpapier den Unternehmensgegenstand deutlich. | © Mobilcom AG

mybet AG, Kiel

Die mybet AG wurde 1998 als Wettanbieter in Kiel gegründet. Man profitierte damals und in den Folgejahren von der liberalen Haltung Schleswig-Holsteins in Sachen Sportwetten und Glücksspiel. Neben Sportwetten umfasste das Geschäftsmodell auch Online-Casinos und Business-to-Business-Dienstleistungen. Im Laufe der Jahre sammelten sich jedoch beträchtliche Verluste an. Im Jahr 2017 zog die Aktiengesellschaft nach Berlin um. Dass die Geschäfte dort besser laufen würden als in Schleswig-Holstein war ohnehin mehr als fraglich. Und tatsächlich musste die ehemalige Kieler Gesellschaft im Sommer 2018 Insolvenz anmelden.
Im Rahmen des Insolvenzverfahrens wurde die mybet Holding SE im April 2019 von der Rhinoceros-Gruppe übernommen und wird heute unter maltesischer Glücksspiel-Lizenz weiterbetrieben. Das Anbieten von (Online-)Glücksspiel in Deutschland unter ausländischer Lizenz wird von deutschen Behörden als illegal angesehen. Die Anbieter berufen sich dabei jedoch auf die europäische Dienstleistungsfreiheit. Die Rechtmäßigkeit des Modells ist juristisch bis heute nicht abschließend geklärt.
Kein SH-Unternehmen mehr, weil: Umzug nach Berlin, Insolvenz, heute Weiterbetrieb aus Malta


Da diese Liste niemals abschließend sein kann, darf in den Kommentaren gerne an weitere ehemalige SH-Unternehmen erinnert werden.

14 Kommentare

  1. Triton Water Norderstedt, Flensburger Avis,

    Kaltenkirchen, 19. Juni 2018. Die AKN Eisenbahn AG firmiert neu: Mit Wirkung zum
    13. Juni 2018 wurde aus der AKN Eisenbahn AG die AKN Eisenbahn GmbH. Die AKN
    Eisenbahn GmbH verfügt auch zukünftig über einen Aufsichtsrat. Statt als Vorstand wird
    Wolfgang Seyb die AKN nun als Geschäftsführer leiten. Für die Beschäftigten der AKN
    ändert sich durch den Rechtsformwechsel nichts. Gesellschafter der AKN Eisenbahn GmbH
    sind zudem wie bisher zu gleichen Teilen die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein. Mit
    dem Rechtsformwechsel endet der von den Gesellschaftern angestoßene
    Restrukturierungsprozess der AKN.

    Deutsche Bank Lübeck AG
    Euroimmun AG Lübeck
    HaGe Kiel AG Kiel
    Plato AG Lübeck
    Tebis AG Lübeck
    Pütz Security Ag Kaltenkirchen
    W. Jacobsen AG Kiel

    1. Guten Tag Herr Müller,

      vielen Dank für Ihre Kommentare! Auf der IR-Seite der Euroimmun AG heißt es zum Thema Börsengang ja sogar „Die Aktiengesellschaft ist zur Zeit noch nicht an der Börse notiert, dennoch ist ein Aktienerwerb – auch jetzt schon – möglich. […] Ziel ist es, zu einem späteren Zeitpunkt ein IPO durchzuführen.“
      Aber ob es letztlich wirklich dazu kommt??? Ich bin gespannt!

      Ich wünsche Ihnen in jedem Fall einen schönen Tag und ein erholsames Wochenende!
      Grüße nach Friesland!

    2. UPDATE:
      Ich denke zumindest in Sachen Euroimmun kann man mittlerweile leider getrost einen Deckel auf die Sache machen. Wie schon befürchtet, war wohl nie ernsthaft ein Börsengang geplant. Jedenfalls ist in der Unternehmenskommunikation heute keine Rede mehr von einem Gang an den Kapitalmarkt. Spätestens die Übernahme durch PerkinElmer hat die Pläne also offenbar obsolet werden lassen.

  2. Oppermann Versand AG, Neumünster
    https://www.sammleraktien-online.de/oppermann-versand-ag/item-1-3656.html
    „Die Oppermann Aktiengesellschaft wurde 1980 gegründet. Umwandlung in eine AG 1987, der Börsengang und die Ausgabe dieser Aktien erfolgte 1988. Oppermann war ein bekannter Versandhandel, der auf Werbemittel und Werbegeschenke spezialisiert war. Zuerst war die Kaufhof AG Großaktionär später der Werbemittelhändler Hach AG. Hach mußte Ende 2002 Insolvenz anmelden, Oppermann wurde dabei mitbetroffen. Das operative Geschäft wurde (Stand 2008) im badischen Rheinau weitergeführt, der Aktienmantel der AG begann im Herbst 2006 auf Grund vermuteter Wiederbelebung vorübergehend kräftig anzuziehen. 2007 folgte die endgültige Insolvenz, die Abwicklung dauerte danach noch viele Jahre an und war meines Wissens 2021 noch nicht endgültig abgeschlossen.“
    Text: © sammleraktien-online.de

    1. Moin Gerrit,

      wow, das ist ja beeindruckend, welche ehemaligen SH-Unternehmen du oben und im Folgenden alle gefunden hast! Vielen Dank für die tolle Bereicherung dieser Seite!

      Schade, dass Oppermann nicht mehr existiert. Leider steht wohl auch dieses Unternehmen symbolisch für den Niedergang der einst so großen schleswig-holsteinischen Industriestadt Neumünster. Warum so viele Insolvenzen auch nach Jahrzehnten nicht abgeschlossen werden können, wird mir jedoch wohl immer ein Rätsel bleiben.

      Viele Grüße
      Matthias Nissen

  3. Driver & Bengsch AG, Itzehoe
    aus Corporate News anl. Börsengang
    https://www.dgap.de/dgap/News/corporate/driver-bengsch-driver-bengsch-mit-erfolgreichem-boersendebuet/?newsID=61610
    „Das Unternehmen mit aktuellem Sitz in Itzehoe (Schleswig-Holstein) geht zurück auf die 1996 von André Driver und Carsten Bengsch gegründete d&b Finanz- und Versicherungs-makler mbH. Heute ist die Driver & Bengsch AG als Holding Muttergesellschaft zweier operativ tätiger Tochtergesellschaften, namentlich der Wertpapierhandelshaus Driver & Bengsch AG und der Versicherungsmakler Gebrüder Hansen GmbH. Diese drei Gesellschaften bilden gemeinsam die Driver & Bengsch-Gruppe, für die insgesamt 49 Mitarbeiter tätig sind (Stand: 26.06.2006), als deren Kernstück die Tochtergesellschaft Wertpapierhandelshaus Driver & Bengsch AG gelten kann. Es handelt sich bei dieser Tochter um ein Finanzdienstleistungsunternehmen mit den Kerngeschäftsfeldern Vermittlung von Tagesgeldkonten, Vermittlung von Wertpapieren mit Beratung sowie Portfolioverwaltung.“
    Text: © Driver & Bengsch AG

    1. Die Driver & Bengsch AG aus Itzehoe hat in der Tat eine wirklich interessante Unternehmensgeschichte hinter sich. Leider haben sich die Inhaber und Vorstände aus meiner Sicht damals immer mehr für die Verkaufszahlen und Umsätze als für ihren Ruf interessiert. An offensiven Versprechungen und an Werbung (siehe beispielsweise das ehemalige „Driver & Bengsch Stadion“ in Itzehoe) hat man gleichzeitig nicht gespart. Eine Sammelklage wegen fehlerhafter Finanzberatung ist meines Wissens bis heute anhängig. Diese und weitere Probleme haben das Unternehmen letztlich in die Insolvenz getrieben. Dass die beiden Gründer dennoch einen guten Schnitt gemacht haben, darf wohl angenommen werden.

      Heute werden die Überreste der Driver & Bengsch AG überwiegend von der Stuttgarter Accessio AG gehalten, über deren Geschäftsgebaren mir jedoch nichts Negatives bekannt ist. Im Übrigen existiert bis heute noch ein Genussschein von Driver & Bengsch mit der ISIN DE000ADCB011. Dieses Wertpapier darf jedoch wohl mit Fug und Recht als klinisch tot bezeichnet werden. Die beiden Gründer André Driver und Carsten Bengsch sind heute wieder in ihrer Heimat geschäftlich aktiv.

  4. farmatic biotech energy AG, Nortorf
    https://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/a-126063.html
    „Die Aktien der Farmatic Biotech Energy AG werden zu einem Preis zwischen 17 Euro und 21 Euro an den Frankfurter Neuen Markt kommen. Wie das Unternehmen aus Nortorf (Schleswig-Holstein) am Montag auf seiner Emissionspressekonferenz in Frankfurt mitteilte, werden in der Zeit vom 2. bis zum 5. April 2001 bis zu 2,75 Millionen Stammaktien angeboten.“
    03.03.04 Anmeldung Insolvenz
    https://www.dgap.de/dgap/News/adhoc/farmatic-biotech-energy-anmeldung-insolvenz/?newsID=43562

    1. Die „farmatic biotech energy AG“ kannte ich bisher noch gar nicht. Vielen Dank für den Hinweis auf diese Gesellschaft! Sehr interessant, dass auch das beschauliche Nortorf – in der Wirtschaftswelt heute vor allem bekannt als Standort eines Großlagers von Aldi-Nord – offenbar mal ein Börsenunternehmen hatte.

      Mit einer geplanten Marktkapitalisierung von: 19,00 Euro mittlere Emissionsspanne x 2,75 Mio. Aktien = 52,25 Mio. Euro gleich zum Börsenstart waren die Ambitionen für einen Biogaskraftwerk-Betreiber bei rund 20 Mio. Jahresumsatz aber offenbar doch zu sportlich. Auch wenn man sich die damaligen Meldungen nochmal durchliest, entsteht auf mich schnell der Eindruck, das Management habe sich mit seinen zahlreichen Investitionen im Ausland sowohl in seinen Fähigkeiten, als auch in finanzieller Hinsicht verhoben. Tatsächlich hat man offenbar ausschließlich Verluste geschrieben, was das Unternehmen aber nicht davon abhielt, auch weiterhin massiv neue Kapazitäten und Personal aufzubauen.
      Schade drum.

  5. Terrex Handels-AG, Oststeinbek
    https://www.sammleraktien-online.de/terrex-rumpus-import-und-export-ag/item-2-7860-terrex-.html
    „Gegründet 1923 durch Vereinigung der Firmen Carl Rumpus & Co., J. Frank & Sohn, beide Mönchengladbach und Hoster & Sohn GmbH, Waldniel, alle im Textil-, Spinnerei- und Färbebereich tätig. Ab 1971 wurden die Textilbereiche stillgelegt, es gab kaum noch operative Tätigkeit. 1984 Neuaktivierung als Terrex-Rumpus Import und Export Aktiengesellschaft im Geschenkartikel-, Textil- und Teppichbereich. 1985 Sitzverlegung nach Hamburg-Oststeinbek. 1993 Umfirmierung in TERREX Handels-AG und Konzentration auf Im- und Export sowie Großhandel von Geschenkartikeln. Im Jahr 2009 wird das Insolvenzverfahren eingeleitet. Die Abwicklung dauert an (Stand 2014).“
    Text: © sammleraktien-online.de

    1. Hm, die Terrex Handels-AG aus Oststeinbek bei Hamburg scheint etwas mysteriös zu sein. Während die Gesellschaft auf einigen Seiten als „in Liquidation“ geführt wird, gab die Terrex selbst offenbar bereits im Juli 2009 bekannt, sich aufgelöst zu haben. Das kann so aber nicht ganz richtig sein. In der Tat scheint die Insolvenz noch anzudauern. Im Handelsregister wird die Gesellschaft jedenfalls nach wie vor als aktiv und ohne „i.L.“-Zusatz geführt.

      Aber wie dem auch sei, offenbar handelt es sich auch hier um einen der zahlreichen Insolvenz-Zombies, die noch heute seelenlos durch die Wirtschaftswelt wandeln. Auf jeden Fall verdanken wir der Terrex Handels-AG ein wirklich außergewöhnlich schönes Wertpapier, wie Joachim Hahn von sammleraktien-online.de völlig richtig bemerkt. Dass seine Texte hier kostenlos Verwendung finden dürfen, dafür bedankt Der SH-Investor sich an dieser Stelle ausdrücklich!

  6. Univerma AG, Ahrensburg
    https://www.dgap.de/dgap/News/corporate/univerma-geht-die-boerse-unabhaengiger-finanzmakler-setzt-auf-qualitaet-der-beratung-statt-provisionsorientiertem-aussendienst/?newsID=639314
    „Die UNIVERMA AG ist ein von Banken und Versicherern unabhängiger Investment- und Versicherungsmakler mit Fokus auf die ganzheitliche und langfristige Beratung und Betreuung junger Familien in allen Vorsorge-, Anlage- und Absicherungsfragen.“
    Text: © Univerma AG

    1. Mit der Univerma AG hast du wirklich einen ganz heißen Fall hier eingebracht, Gerrit! Das Geschäftsgebaren der Ahrensburger Gesellschaft darf ich wohl zumindest als zweifelhaft bezeichnen. Ich bin mir noch nichtmal sicher, ob die Gesellschaft überhaupt jemals einen nachhaltigen operativen Geschäftsbetrieb hatte. Als unabhängiger Finanzmakler mit festangestellten Beratern, welche nicht auf Provisionsbasis arbeiten – so sah die Univerma sich selbst, bzw. so wollte sich zumindest nach außen hin verkaufen.

      Die Unternehmenskommunikation strotzte Ende 2010 zudem nur so vor ehrgeizigen Zielen, Ankündigungen und Erfolgsmeldungen. Hier nur mal eine zufällige Auswahl als kleines „Best-of“:
      – „So plant das Unternehmen den Aufbau von 17 bereits identifizierten Standorten in Deutschland bis 2014.“ Das ist durchaus erstaunlich bedenkt man, dass das Unternehmen erst zwei Jahre zuvor gegründet wurde und bis dato nicht gerade durch bahnbrechendes Wachstum aufgefallen war.
      – „Der Emissionspreis liegt bei 60 EUR pro Aktie.“ In Anbetracht dessen, dass das Amtsgericht Lübeck einige Jahre später die Löschung der Gesellschaft beantragte, weil die Univerma AG offenbar über keinerlei Vermögen verfügte, erscheint der Ausgabekurs ziemlich ambitioniert. Die Wirtschaftswoche bezeichnete diesen gar als „Mondpreis“.
      – Nur wenige Wochen später startete das Unternehmen zudem eine „Akquisitionsoffensive zur Deckung der großen Kundennachfrage„. Der erst kurz zuvor neu eröffnete Standort in der „Weltstadt“ Speyer muss offenbar regelrecht von Kunden überrannt worden sein, sodass man sich schließlich nur noch mit einer „Akquisitionsoffensive“ zu helfen wusste.
      – Nur gut eine Woche später sollte es dann sogar schon ein „bundesweiter Krankenversicherungsservice“ sein. So ein bisschen fragt man sich ja schon, wo die großen Wachstumsambitionen in so kurzer Zeit denn herkommen sollen, immerhin dürfte die Univerma mit zwei Standorten in den eher kleinen Städten Ahrensburg und Speyer nun nicht gerade über ein riesiges Vertriebsnetz verfügt haben.
      – Mein absolutes Highlight kommt allerdings jetzt: „Innerhalb des Unternehmens wurden Haltevereinbarungen getroffen, wonach ein Großteil der Aktienbestände der beiden Vorstände erst ab dem 1. Januar 2012 frei handelbar wird.“ Auch dies war eine nette Ankündigung, um Neu-Anlegern die aus meiner Sicht völlig überteuerte Aktie schmackhaft zu machen. Doch hinter dieser Ankündigung verbarg sich wohlmöglich viel Dichtung und wenig Wahrheit – zumindest wenn man den späteren Medienberichten glauben darf.

      Laut „Spiegel“ und „Wirtschaftswoche“ liest sich die Univerma-Geschichte nämlich leider ganz anders: Demnach soll das kleine und blutjunge Unternehmen mit Jubelmeldungen ordentlich gepusht worden sein. Angeblich – so heißt es – hätten die beiden Vorstände über eigene Stohmannfirmen Geld an Börsenbriefe gezahlt, damit diese die Univerma-Aktie als „Eilkauf“ einstufen. Tatsächlich wurde das Wertpapier zeitweise zu Mondpreisen gehandelt. Dies sollen den Berichten zufolge die beiden Gründer und Vorstände durch Scheinverkäufe erreicht haben. Schließlich sollen die Vorstände Ende 2010 durch den Verkauf ihrer Aktienpositionen – entgegen der angeblichen Haltefrist – versucht haben, groß Kasse zu machen.

      Was davon nun genau der Wahrheit entspricht, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist jedenfalls, dass die oben zitierten Unternehmensmeldungen kaum glaubhaft sind und Börsenbrief-Betreiber Marcus Frick später vom Landgericht Frankfurt zu 31 Monaten Haft verurteilt wurde. Auch gegen die beiden Vorstände Kai Hoffmann und Fabian Voß – Jahrgänge 1974 und 1980 – wurde wegen Marktmanipulation ermittelt. Was aus den Verfahren geworden ist, ist mir jedoch nicht bekannt.

      Und die Univerma? Tja, dass diese nur kurze Zeit später Insolvenz anmelden musste und sich derzeit in einem Liquidations- und Löschungsverfahren befindet, bedarf wohl kaum der Erwähnung.

      Vielen Dank für die Einreichung dieser fünf schillernden, ehemaligen SH-Unternehmen, Gerrit! Ich wünsche dir alles Gute!
      Matthias Nissen

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