Freenet&Co.: Unruhige Zeiten und neues Modell zum 5G-Ausbau?

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+ Wegen 5G-Versteigerung: H&A erwartet unruhige Zeiten
+ Interessantes Modell zur Finanzierung des 5G-Netzausbaus
+ H&A: Kaufempfehlung für United Internet und 1&1 Drillisch

Das angesehene Analysehaus Hauck & Aufhäuser hat sich den Telekomsektor einmal genauer angesehen. Demnach erwartet Analyst Simon Bentlage aufgrund der anstehenden 5G-Versteigerung offenbar erhebliche Kursschwankungen für die Aktien der betroffenen Unternehmen. Zudem wird ein interessantes Modell für einen möglichen 5G-Ausbau durch die bisherigen Service-Provider ins Spiel gebracht.

5G steht vor der Tür – Kursturbulenzen voraus?
Angesichts der bald anstehenden Versteigerung der 5G-Lizenzen erwartet Analyst Simon Bentlage von Hauck & Aufhäuser offenbar zunehmende Kursturbulenzen bei den Aktien des Telekomsektors. Dies gehe nach seiner Ansicht gleich auf mehrere Faktoren zurück: So sei weder sicher, ob die beteiligten Unternehmen einen Zuschlag für die Frequenzen bekämen, noch wie viele Frequenzen man erwerben könne und zu welchem Preis. Auch würden sich die Unternehmen im Falle eines Zuschlages zu teuren Netzausbauten verpflichten. Dies bringt laut Bentlage erhebliche Unsicherheiten mit sich, weshalb mit einer erhöhten Volatilität der Kurse gerechnet werden müsse.

Weniger von diesen Turbulenzen betroffen sein dürften jedoch die Diensteanbieter, bzw. Service-Provider, da diese lediglich Netzkapazitäten von den drei großen Netzbetreibern anmieten und daher nicht selbst im 5G-Risiko stehen. Dies betrifft unter anderem Freenet und United Internet, bzw. deren Tochtergesellschaft 1&1 Drillisch. Letzteres Unternehmen könnte jedoch womöglich eine Sonderrolle einnehmen, da man im Hause United Internet, bzw. 1&1 Drillisch durchaus überlege, sich um Netzfrequenzen zu bewerben, so Bentlage.

Steigt United Internet in den Netzbetrieb ein?
Die amerikanische Bank Goldman Sachs hatte jüngst von einem Lizenzerwerb durch die bisherigen Diensteanbieter abgeraten. In einer Analyse zu 1&1 Drillisch hieß es sinngemäß, dass ein 5G-Ausbau durch 1&1 viel Kapital verschlingen würde, ohne zeitnah entsprechend zusätzliche Umsätze zu generieren. Nach Meinung der Amerikaner würden die Service-Provider daher besser damit fahren, wenn sie ihr bisheriges Geschäftsmodell – dem Anmieten von Netzkapazitäten und deren Weiterverkauf – auch künftig einfach weiter betrieben.

Doch laut H&A-Analyst Bentlage ist offenbar noch ein anderes Modell zum Netzaufbau im Gespräch. So könnte United Internet zunächst eine 5G-Lizenz erwerben, diese dann anschließend jedoch an ein Infrastruktur-Unternehmen als Kooperationspartner abgeben. Dieser müsste das Netz dann vertragsgemäß ausbauen und United Internet könnte das so entstehende Netz schließlich zurückleasen und damit nutzen.

Dann wäre United Internet nach Ansicht von Bentlage in der komfortabelsten Position von allen Teilnehmern: United Internet hätte
1. ein eigenes Netz, wäre
2. nicht mehr von den Konkurrenten abhängig und müsste
3. die Risiken des teuren Netzausbaus nicht mehr selbst tragen.

Kommentar zum Kooperationsmodell
Ich persönlich sehe dieses Kooperationsszenario jedoch nicht ganz so positiv wie oben beschrieben und möchte das Modell daher tendenziell kritisieren. So fallen mir hier vor allem drei Punkte negativ, bzw. als Risiko ins Auge. Und zwar wie folgt:

Erstens: Die Risiken des Modells nicht außer Acht lassen!
Was im vorliegenden Modell unter Umständen nicht ausreichend in Betracht gezogen wird, ist das Risiko, dass sich der Netzausbau gegenüber der Planung letztlich doch als deutlich teurer erweisen könnte – womöglich zu teuer für einen möglichen Kooperationspartner, als dass eben jener diese „Giftpille“ folgenlos schlucken könnte.

Dieses Szenario führt zu folgenden Fragen: Was wäre, wenn der Vertragspartner insolvent ginge oder es aufgrund der erforderlichen Komplexität der Verträge plötzlich zu Rechtsstreitigkeiten käme? Jahrelange Verzögerungen und hohe Kosten wären die Folge. Man stünde zwar mit einer 5G-Lizenz, aber gänzlich ohne Netz da. United Internet würde zudem nicht mehr die eingegangenen Ausbauverpflichtungen gegenüber der Bundesnetzagentur erfüllen können, sodass hohe Strafen und sogar der Lizenzentzug drohten.

Gerade das Risiko von Rechtsstreitigkeiten im Rahmen von komplexen Kooperationen sollte niemals unterschätzt werden. Hiervon kann insbesondere die ehemalige Freenet-Mutter mobilcom ein Liedchen singen. Die mobilcom wurde ihrerzeit durch einen derartigen Rechtsstreit mit der France Télécom in die Knie gezwungen und in die Pleite getrieben, als aus ehemaligen Partnern plötzlich erbitterte Feinde wurden.

United Internet müsste also im Zweifelsfall den Netzausbau doch wieder selbst übernehmen, falls der eigentliche Partner aus jedweden Gründen auch immer ausfällt – oder zumindest einen anderen Kooperationspartner finden, was ad hoc jedoch schwierig genug werden dürfte. Dies könnte eventuell sogar zu neuen Abhängigkeiten gegenüber Kooperationspartnern führen.

Eine wirkliche Risikoverringerung vermag ich daher nur für den Fall zu erkennen, dass es lediglich geringe Abweichungen vom Kostenplan für den Netzausbau gäbe. Ein Unternehmen wie United Internet sollte für die eingegangenen Rechtsgeschäfte jedoch durchaus in der Lage sein, geringe Abweichungen aus eigener Tasche zu tragen. Weichen die Plan-Zahlen allerdings erheblich von den Ist-Zahlen ab, dann könnte sich das Kooperationsmodell ganz im Gegenteil sogar noch als Risikoturbo entpuppen.

Zweitens: Nicht jede Versicherung ist eine gute Versicherung!
Letztlich entspricht der angesprochene Vorteil eines an einen Kooperationspartner abgegebenen Risikos einer Versicherung. Er baut das Netz auf eigenes Risiko auf, welches anschließend von United Internet zu einem bestimmten Preis zurückgeleast werden würde.

Jedem, der in der Wirtschaft professionell aktiv ist, wird jedoch bekannt sein, dass niemand jemals irgendein externes Risiko kostenlos übernehmen wird. Es wird immer in einem gewissen Umfang ein Aufpreis, sprich: eine „Versicherungsprämie“ fällig. Die Höhe dieser Prämie bemisst sich an vielerlei Faktoren, vor allem jedoch am zu versichernden Risiko. Doch gerade bei einem so großen Infrastrukturvorhaben, wie dem 5G-Netzausbau aus dem Stand heraus, wäre das Baukostenrisiko aus meiner Sicht ganz erheblich. Dies würde entsprechend hohe Risikoaufschläge über den „fairen“ Leasingpreis hinaus bedeuten.

Solche Versicherungen einzugehen kann sich mal als lohnend, mal auch als verlustreich erweisen. Dies ist immer eine Frage des Einzelfalles. Es kann jedoch nicht generell lobpreisend davon ausgegangen werden, dass eine jede Versicherung per se immer positiv zu bewerten ist – Vollkaskomentalität in Deutschland hin oder her.

Drittens: Ein 5G-Einstieg wäre nicht profitabel!
Dies ist der wohl stärkste Punkt meiner Argumentationskette: Nach wie vor bezweifle ich, dass ein 5G-Netz alleine eine ausreichende und wirtschaftliche Flächenabdeckung garantieren könnte. Während die anderen Mobilfunkanbieter allesamt auch weiterhin auf ein existierendes 4G-Netz im Hintergrund zurückgreifen könnten, müsste United Internet die Fläche komplett und ausschließlich via 5G versorgen. Dies ergäbe sich jedenfalls aus den bei der Versteigerung eingegangenen Ausbau-Verpflichtungen, wäre auf der anderen Seite angesichts der geringen Reichweite der 5G-Technologie jedoch kaum kosteneffizient zu betreiben. Es entstünde somit ein kaum aufzuholender Wettbewerbsnachteil.

United Internet wäre daher selbst mit einem eigenen 5G-Netz zwangsläufig darauf angewiesen, auch weiterhin 4G-Kapazitäten von den Konkurrenten dazuzumieten. Das Geschäftsmodell würde mit einem 5G-Start also lediglich komplexer und kostenintensiver als bisher werden. Ohne ein 4G-Netz im Hintergrund wäre eine Versorgung via 5G wohl lediglich in einigen Metropolregionen sinnvoll. Ein solches Rosinenpicken lassen die Versteigerungsbedingungen der Bundesnetzagentur allerdings nicht zu.

Fazit: Täuschungsmanöver möglich!
Es mag sein, dass ich in wirtschaftlicher Hinsicht einfach zu konservativ und zu altmodisch denke, um obiges Modell überhaupt wertschätzen zu können. Man möge mich dafür gerne kritisieren. Nichtsdestotrotz glaube ich nach wie vor ohnehin nicht an ein ernsthaftes Mitbieten bei der 5G-Versteigerung durch den United Internet-Konzern oder einen anderen Service-Provider. Dies wäre wohl auch erst nach einem Zusammenschluss von United Internet und der Freenet AG überhaupt langfristig finanzierbar. Doch selbst für diesen Fall, darf nach wie vor die Wirtschaftlichkeit eines 5G-Netzes durch einen Netz-Neuling infrage gestellt werden.

Mir drängt sich daher ein anderer Verdacht auf, weshalb so häufig über ein Mitbieten durch United Internet spekuliert wird. So war es der Konzern selbst, welcher öffentlich mit derartigen Überlegungen kokettiert hat. Ist es als Jäger wirklich ratsam, die schlummernde Beute bereits vor dem Schuss zu warnen? Natürlich nicht! Außer vielleicht es steckt ein Plan dahinter…

Womöglich sollen die Pferde stattdessen durch derartige Vorab-Ankündigungen absichtlich scheu gemacht werden, um die Preise für die 5G-Lizenzen in die Höhe zu treiben. Vielleicht ist es ein reines Taktikmanöver und letztlich reiben sich United Internet und Freenet die Hände, wenn die Netzbetreiber wie bei UMTS zu hohe Preise gezahlt haben, nur weil mit zahlreicher Bieterkonkurrenz gerechnet wurde – die dann zur Überraschung ihrerseits jedoch ausblieb. Das wäre zur Abwechslung nämlich wirklich mal im Interesse der Diensteanbieter.

Es bleibt für die Aktionäre jedenfalls zu hoffen, dass man im Hause United Internet die erwähnten Risiken, die in einem 5G-Ausbau schlummern auf dem Schirm hat und dass man sich nicht etwa von externen Beratern blenden lässt. Für Hauck & Aufhäuser-Analyst Simon Bentlage jedenfalls bleibt es für United Internet, sowie 1&1 Drillisch bei einer Kaufempfehlung.


Quellen:
Meldung von dpa-AFX

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